lunettes #2

Gespräch zwischen Daiga Grantina und Carmen Rüter.

CR: In deiner aktuellen Show ‘Lunettes’ im Projektraum bellstreet geht es um ‘Sehen’ im weitesten Sinne. Der Titel kann auf verschiedenen Ebenen gedeutet werden….

DG: Der Titel ‘Lunettes’ kann aus dem Französischen direkt als ‘Brille’ übersetzt werden, da ist der Klang natürlich ganz anders…Das ist dann so ein konkreter Verweis auf die Optik und das Auge. Das Sehen ist ja irgendwie dann immer dabei, aber es kann auch so ein bewusster Prozess sein… in der Kunst. Dann gibt es eine eher internationale Bedeutung von dem Wort Lunettes und zwar in der Architektur und Kunstgeschichte beschreibt es diese Art von halbmondförmigen Raumgewölben.
Wenn man zum Beispiel in der Eingangshalle der Secession hier in Wien steht kann man das ganz beispielhaft schön erleben, welche Wirkung diese Lunettes haben. In dem Wort steckt auch Luna, also der Mond. Das finde ich sehr schön. Ich glaube Kenneth Anger hat das immer so betont, dass der Mond eigentlich ja die Projektionsfläche der Sonne sei.
Um so etwas geht es in dem Ausstellungsraum. Es gibt diese zentrale Arbeit mit der Doppeldiaprojektion und der Raum baut sich skulptural darum auf. Aber gleichzeitig war der Raum ja schon da, daher ging der Prozess der Arbeit in ungefähr zwei Richtungen.

CR: In einer Diashow werden Bilder gezeigt, die aus einem anderen Zusammenhang stammen. Die Projektion verleiht dem für einen anderen Zweck produzierten Bildmaterial Transparenz. Soll durch die Bilder hindurchgeschaut werden? Was bleibt von der Substanz der Bilder, wie verändert sich diese durch eine zweckentfremdete Verwendung?

DG: Das Material stammt aus Zeitschriften und Bildbänden, meist geht es da um Mode. Auf den projizierten Bildern erkennt man manchmal noch, dass es sich um Körper handelt. Und auch Schatten die enstehen, wenn man den Kopf beispielsweise zur Seite dreht. Man sieht aber auch das reproduzierte Material, also Papier und Druckqualität. Das ist sehr wichtig für mich, weil ich dann von einer Fläche ausgehen kann. Durch die Lichtbilder wiederum entsteht eine eigene Qualität, wo es so ein bisschen anfängt zu vibrieren. Da entstehen dann Ebenen im Bild, die für mich durchaus auch filmisch sind.

CR: Der Raum wird nicht nur visuell bespielt. Die akustische Beschallung erfolgt mit Pianomusik (aus dem Oeuvre Christian Naujoks), die nie benutzt wurde, nun aber gebraucht wird. Der Boden ist mit einem benutzten Teppich der Wiener Secession ausgelegt. Der Teppich wurde benutzt, wird aber nicht mehr gebraucht. Welche Absicht verfolgst du mit dem Entwurf dieser Gegensätzlichkeit?

DG: Es gibt diese beiden Elemente die irgendwie eine Gemeinsamkeit haben, aber auch gleichzeitig geht es da in unterschiedliche Richtungen, wenn es um eine Wertung oder besser Qualität von gebraucht/second hand geht. Wenn es zum Beispiel eine Rolle spielt von wem etwas bereits gebraucht wurde oder was jemand gar nicht gebrauchen konnte bis jetzt und dann gibt es einen neuen Ort dafür. Ich finde das sehr aufregend künstlerisch damit umzugehen.
Der graue Flizteppich und die Pianoklänge geben für mich dem Lunaraum einen leichte Stütze, er wird ein wenig runder dadurch in meinen Augen.

CR: Im Aneignungsprozeß verändert sich sowohl die/der Aneignende als auch das Angeeignete. Welche Auswirkungen hatte die Arbeit für ‘Lunettes`auf Dich als ‘die Aneignende’? Inwieweit gelingt es, diesen Prozeß zu kontrollieren?

DG: Bei der Arbeit an ‘Lunettes’ kamen nach und nach einige Dinge, die mich in der Praxis interessieren zusammen und parallel dazu habe ich immer mehr aus dem Raum herausgetragen. Am Ende steht dann Lunette allein da, ich meine als ein piece sozusagen.

CR: Das Zusammenspiel der einzelnen Elemente erscheint wie die Inszenierung eines undefinierten zeitlichen Abschnitts. Der Einblick in das Leben einer Person, die nicht anwesend ist. Wer ist diese Person?

DG: Lunette vielleicht. Ich finde, dass das ein sehr charmanter Frauenname ist so wie Sharon.

Daiga Grantina
‘Lunettes’
Ausstellung im bellstreet project space
Glockengasse 22, 1020 Wien
23.09.09-03.10.09

daiga grantina_lunettes

Leave a comment

Filed under ISSUE Ø8 - INTERVIEW

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s