quote #4





[…] Wie (nämlich jene Lebewesen, die Organismus heißen) sind Röhren, durch deren eine Öffnung die Welt hineinfließt, um durch die andere wieder hinauszufließen. Das heißt: es gibt für uns ein Vorne (Schlund) und ein Hinten (After). Die meisten von uns sind symmetrisch gebaut, aber nicht eigentlich rund um die Röhre, sondern entlang der Röhre.
Das heißt: die meisten von uns können zwischen rechts und links unterscheiden (allerdings gilt dies nicht für die vielen Seesterne und die einseitigen Schnecken, um nur zwei Beispiele zu nennen). Ursprünglich sind wir wohl alle im Sand der Brandung eines Kambrischen Meers nach vorn und nach hinten gekrochen: der Name für lebende Röhren ist ja Würmer. Von den Dimensionen >oben und unten< ist bei so einem Kriechen eigentlich keine Rede. Nur haben sich einige von uns vom Boden abgestoßen (zum Beispiel Vögel und Insekten), und andere haben sich aufgerichtet, obwohl sie am Boden blieben (zum Beispiel Kopffüßler und Menschen). Für die sich abgestoßen habenden Würmer haben sich aus >vorn-hinten< und >rechts-links< Fächer von zusätzlichen Dimensionen geöffnet, zum Beispiel >rechts-unten< oder >oben-vorn<. Für die aufgerichteten, kleben gebliebenen Würmer sind es nicht Dimensionsfächer, sondern eher Dimensionsachsen, die sich geöffnet haben: ein Achsenkreuz eben.
Und damit ist der sogenannte Lebensraum beschrieben. Alle anderen Räume sind Abstraktionen davon. […]*

*Vilém Flusser. Räume. (1991) In: Dünne Jörg; Günzel Stephan (Hrsg.). Raumtheorie. Frankfurt/ Main: Suhrkamp (2004)

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Filed under - QUOTE #, ISSUE Ø7 - SERIES

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